waibakram

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Jeden Tag

begegnet mir Neues, Interessantes, Schönes und auch Dinge, die mir nicht gut gefallen. Hier möchte ich darüber schreiben, was mir so auffällt. Wo ich gedanklich hängenbleibe. Meine "Bilder" in Worte fassen. Mein Leben in Bilder fassen.
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Neue Medien

dies und dasGeschrieben von ameli Do, Juni 13, 2013 21:30:11

Endlich wird es auch hier Sommer.
Ich verfolge seit zwei Wochen die Proteste in Istanbul und war immer recht neidisch auf das schöne Wetter dort. Auf die anderen Umstände allerdings nicht. Tränengasgeschwängerte Luft ist nicht der Hit.
Vor neun Monaten hatte ich an einem Workshop einer Istanbuler Universität zum Thema Soziale Medien und Demokratisierung teilgenommen. Ich war die einzige deutsche Teilnehmerin, alle Anderen kamen aus den östlichen Randländern der EU.
Damals ist mir erst der Wert der sozialen Medien, besonders Facebook und Twitter als seriöses Mittel der Informationsübermittlung klargeworden.
Bei uns werden diese Medien ja hauptsächlich der Jugendkultur zugerechnet, über die man irgendwann hinauswächst.
Das Potential sozialer Medien hat sich mir in diesem Workshop deutlich erweitert. Denn in der Türkei werden sie als alternative Nachrichtenübermittlung verwendet, in Ermangelung einer freien Presse.
Durch die Proteste in Istanbul und den anderen Städten der Türkei zeigt sich jetzt, wie die geübte Nutzung der sozialen Medien einen Protestaufstand in dermaßen großen Dimensionen mit so vielen Menschen über so lange Zeit Organisationsstrukturen bilden kann, die sehr wirksam sind. Das Ganze ist ein gutes Beispiel für Schwarmintelligenz.
Es funktioniert, die weitgehend friedlichen Demonstranten haben erstaunliches auf die Beine gestellt mit physischer Anwesenheit, vielfältigen kulturellen Aktivitäten, guter Organisation der Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe und regelmäßiger Säuberung der Plätze und Straßen.
Die laufende Information, die nach außen durch unzählige Bilder, Filme und Statements weitergegeben wurde und später durch Livestreams, vermittelt ein realistisches Bild von dem, was dort gerade tatsächlich geschieht. Dies war wichtig für alle Menschen, die dich an den Protesten beteiligen wollten und für alle anderen zur Information.
Diese neue Art, sich über Vorgänge im Internet zu informieren, sich die Informationen von nicht institutionellen und relativ zahlreichen Lieferanten zu beschaffen, bedarf auch einer gewissen Übung, habe ich festgestellt. Man liest eben nicht mehr die eine Zeitung oder die andere Pressemitteilung und beurteilt diese nach der ideologischen Herkunft. Nach dem, was man von dieser Institution schon vorher wusste.
In den neuen Medien kennen wir die Nachrichtenlieferanten nicht. Falschmeldungen, gefälschte Bilder und Bericht lassen sich hier durch Vergleich mit anderen Berichten und Bildern herausfiltern. Die Menge der Bilder ist es, aus der wir uns hier ein Bild machen können, der Vergleich der hashtag Berichte, die durch Twitter gehen.
Diese Art der Informationsaufnahme verlangt andere Beurteilungskriterien als die herkömmlichen Pressenachrichten. Aber da, wo es keine freie Presse gibt, ist dies die einzige Möglichkeit, sich zu informieren.
Nach meinen Workshoperfahrungen in der Türkei wollte ich jetzt natürlich wissen, wie die Nachrichtenvermittlung jetzt im "Ernstfall" funktioniert.
Ich bin beeindruckt, was sich in den Tagen der Proteste entwickelt hat an Informationslogistik. Natürlich habe ich nur das mitbekommen, was nach außen gehen sollten, die internen Informationsflüsse zwischen den Menschen, die dort tatsächlich anwesend waren und sind, kann man nur erschließen aus den dortigen Aktivitäten.